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86.Draussen vor der Tür

Ein Kunstwerk wider die Kriege

von gestern, heute und morgen

Von DR. HERBERT HENNING
Magdeburg (EB)

 

Mit einer Aufführung von Xaver Paul Thomas Opemerstling „Draußen vor der Tür" nach dem Heimkehrerdrama von Wolfgang Borchert eröffnete die Staatsoper Hannover die „Woche des Neuen Musiktheaters" im Rahmen des 4. Musikfestes Sachsen-Anhalt.
Es war ein beeindruckender, zutiefst erschütternder Abend des zeitgenössischen Musiktheaters, ein Dokument für die Wirkung modemer Opemkultur, hier exemplarisch vorgeführt an Wolfgang Borcherts dramatischer Szenenfolge aus der Nachkriegszeit. Alles, was Borchert in dieses Stück hineingedacht und -geschrieben hat. die rastlose Suche des kriegsgeschädigten Beckmann nach neuen ethischen Werten. seine unbeantworteten Fragen nach dem Sinn des Lebens - die Musik Xaver Paul Thomas verschafft der beeindruckenden Sprachgewalt auf der Opembühne eine noch tiefere Wirkung.
Die Inszenierung von Intendant Hans-Peter Lehmann aus dem Jahr 1994 präsentiert sich als ein Beispiel außergewöhnlichen, realistischen Regietheaters. Er unterstreicht durch wechselnde Konstellationen der Figuren, durch optimale Nutzung des von Ekkehard Grübler surrealistisch geformten Bühnenraums mit wirkungsvollen Lichteffekten auch das Visionäre des Stückes.
Der Regisseur beschwört, getragen von einem erstklassigen
Sänger- und Darstellerensembles im Szenischen Chiffren die Traum und Wirklichkeit des vom Krieg wie Strandgut „ angeschwemmtenkt Beckmann phantasievoll markieren. Mehr noch als Kammeroper ist dieses Stück Musiktheater eine Opemvision, eine Art Erscheinung, Traumbild und auch Trugbild. Denn Beckmann erlebt auf seiner Odyssee, daß für ihn nur der Platz „draußen vor der Tür" bleibt. Die Zeitlosigkeit des Themas der Aufschrei
und die Frage nach Schuld und den Schuldigen und der Verantwortung an Krieg, Tod und Leid ist Anklage und Mahnung zugleich - ein Opernkunstwerk als eindringliche Warnung wider die Kriege von gestern, heute und morgen.

 

Schwieriges Stück mit Bravour gemeistert

Das Sängerensemble meisterte mit Bravour dieses schwierige Stück neuer Musikdramatik.
Herausragend Johannes Martin Kränzle als Beckmann. der sängerisch und darstellerisch eine an Intensität und Glaubhaftigkeit kaum zu überbietende Leistung bot. Dies gilt für alle Solisten ausnahmslos. Wie das Ensemble m jeder Szene die von den Klangstrukturen der Musik ausgehende Expressivität als schauspielerisches Ausdrucksmittel. vor allem in den Passagen des Sprechgesang, nutzt ist für moderne Oper beispielhaft. Und es spricht für die Musik. die bei sparsamer Akzentsetzung auf Bläser und Schlagwerke auf den Punkt des OriginaI-Borchert-Textes gesetzt ist. Dies macht ein Grossteil der Wirkung aus. Konturenscharf. oftmals mit nervösem Klang. macht die Musik innere Vorgänge transparent, kommentiert die Handlung, erzählt dort weiter, wo Thoma die Stückvorlage verkürzt oder komprimiert hat.
Anthony Bramall meistert mit den 16 Musikern des Staatsopernorchesters souverän die musikalischen Klippen der Partitur. Er weiß die der Komposition bei allem Modernen und Ungewohnten auch innewohnende Farbigkeit und Melodik widerzuspiegeln. Orchester. Solisten und Chor bildeten eine bruchlose Einheit. am Schluss der Aufführung beifallsbelohnt von einem sichtlich beeindruckten Publikum.
Ein zeitgenössischer Opernabend, den man so schnell nicht vergessen wird und dem ich ein paar mehr Zuschauer gewünscht hätte.

 

Beckmann lebt heute noch

Ein Mann kommt nach Deutschland.
Er war lange weg, sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt anders wieder, als er wegging. Rein äußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf Feldern stehen, um die Vogel zu erschrecken. Und innerlich schreckt er jeden fühlenden Menschen auf.
„Dieser Mann", sagt Jürgen Kurth, „könnte heute noch genauso scheitern, die Gesellschaft ließe ihn auch heute draußen vor der Tür." Kurth singt und spielt heute Abend in der Premiere von Xaver Paul Thomas Kammeroper „Draußen vor der Tür" den Max Beckmann. Im Kellertheater wuchtet Uwe Wand eine auf zwei Stunden zusammengestrichene Fassung auf die Bühne. Wolfgang Borchert schrieb als 26 jähriger das Drama des Kriegsheimkehrers Max Beckmann „Draußen vor der Tür" und
schuf damit eines der wichtigsten Werke der Nachkriegsliteratur. Einen Tag vor der Uraufführung 1947 in Hamburg starb er.
In unzähligen Fassungen geisterte Beckmann seither über deutsche Bühnen, seine Vielschichtigkeit reizte zu Adaptionen. Der Ungar Sandor Balassa vertonte das Stück, und auch der süddeutsche Komponist Xaver Paul Thoma schrieb eine Kammeroper, die letztes Jahr uraufgeführt wurde.
Den Bariton Kurth reizen rein künstlerisch die anspruchsvollen Gesangspartien. Thoma fordert vom geschrieenen Ton bis zum Pianissimo die ganze Palette. Aber für Kurth steckt in der Rolle mehr als eine Herausforderung seiner Stimmbänder. „Im Werk findet man mehrere Ebenen. Da ist der Gesang, die Sprache der literarischen Vorlage und der Gedanke hinter dem Wort, den man transportieren und sinnlich erfahrbar machen möchte", sagt der 44jährige. Mehrmals hat er Borcherts Buch gelesen und dabei entdeckt, „daß die Stationen seiner Heimkehr nicht unbedingt als äußere Ereignisse stattfinden, sondern Bilder für seinen inneren Kampf darstellen.
Kurth findet einen solchen Zugang zu literarischen Vorlagen inzwischen leichter, weil er einschlägige Erfahrungen mit gebrochenen Typen hat. Der Bariton sang bereits die Titelpartie in Wolfgang Rihms „Jacob Lenz", den Heinrich Heine der »Matratzengruft" von Günter Bialas oder den Myschkin aus Dostojewskis „Der Idiot".
Die anderen seien leidende Menschen gewesen. „Aber Beckmann ist nicht ein leidender, sondern ein kämpfen wollender. Er will ankämpfen gegen die Last der Verantwortung, die Last der Schuld, die er glaubt zu haben", sagt Kurth. Das strähnige Haar des Hünen Kurth fängt an zu wippen, und die Augen hinter den großen Brillengläsern werden unruhig, wenn er sich in Beckmann hineindenkt: „Beckmann sucht nach der Wahrheit, er will wieder Ruhe finden."
Solche Gedanken könne man nicht einfach abstellen: „Das trägt man in sich, selbst beim Spazieren gehen nach den Proben." Ganz dicht am Publikum wird die Aufführung sein, und das ist nicht nur räumlich zu verstehen. Neben den technischen Anforderungen. Das Orchester wird draußen vor der Tür spielen und der Dirigent nur über einen Monitor zu sehen sein, erwartet den Besucher auch eine dichte Atmosphäre. „Ich werde mich von der Situation tragen lassen und
hoffe, Beckmanns Verinnerlichung transparent werden zu lassen", formuliert der Sänger den Anspruch an sich selbst.
Kurth, der auf Anraten des ehemaligen Thomaskantors Hans-Joachim Rotzsch den Weg eines Sängers suchte, trifft in 4er Einstudierung auf einen seiner Lehrer. Rudolf Riemer, der den Oberst spielt, bildete Kurtn an der Hochschule aus: »Das ist schon etwas besonderes für mich", sagt Kurth.
Der Sänger will die Sprache klingen lassen: „Das ist keine reine Opernpartie, sondern besitzt auch einen literarischen Rahmen." Das Team will heute abend eine Brücke schlagen zwischen den Künsten, zum Publikum und zur Gegenwart. Beckmann, der Gescheiterte und weiter Suchende, lebt auch heute noch in Deutschland. Er ist einer von denen, die irgendwann nach Hause kommen und dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Ihr Zuhause ist draußen vor der Tür. Ihr Deutschland ist draußen, nachts im Regen, auf der Straße.
Man glaubt es Kurth, wenn er nach längerem Schweigen langsam seinen Kopf hebt und mit fester Stimme sagt:
„Ich liebe den Beckmann."

Markus Deggerich
1.12.1995



 

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