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107.Oboe d'amore - Konzert

Ein neues Oboe d'amore Konzert

Am 9. und 10. Februar 1998 hatte ich die seltene Ehre, die Uraufführung eines Konzerts für Oboe d'amore und Orchester von Xaver Paul Thoma mit dem Philharmonisches Orchester Augsburg unter seinem GMD Peter Leonard zu spielen. Da die Literatur für dieses schöne Instrument leider ziemlich dünn gesät ist, meine ich, dass ein ausgewachsenes neues Konzert eine Bereicherung dieses Repertoires darstellt, die es rechtfertigt, den interessierten Kolleginnen und Kollegen in einem Artikel vorgestellt zu werden.

Der Komponist Xaver Paul Thoma wurde in Haslach im Kinzigtal geboren und studierte Bratsche an der Musikhochschule Karlsruhe. Während dieses Studiums belegte er auch alle musiktheoretischen Fächer eines Kompositionsstudiums, nahm aber keinen eigentlichen Kompositionsunterricht, da er schon seit seinen instrumentalen Anfängen das Schreiben von Musik immer als selbstverständliche und natürliche Ergänzung zum Spielen von Musik empfunden hatte. 1973 -77 war Thoma Mitglied der Badischen Staatskapelle Karlsruhe, eine Position, die er aufgab, um mehr Zeit zum Komponieren zu haben. 1977 - 93 spielte er regelmäßig im Bayreuther Festspielorchester. Seit einigen Jahren lebt er in Bad Mergentheim.

Xaver Paul Thomas Werkverzeichnis umfasst bereits mehr als 100 Opera, darunter Kammermusik, Lieder, Orchesterwerke und einige musikdramatische Werke. Im letzten Jahr wurde sein abendfüllendes Ballett "Kafka" vom Niedersächsischen Staatstheater Hannover uraufgeführt, während seine Oper "Draußen vor der Tür" nach Wolfgang Borchert zur Zeit bereits in der dritten Spielzeit an der Leipziger Oper gezeigt wird.

Das Oboe d'amore - Konzert ist Thomas drittes Solokonzert nach einem Bratschenkonzert und dem Violinkonzert "... wie ein zerrissen Saitenspiel", das 1995 von dem Widmungsträger Joachim Schall und dem Württembergischen Staatsorchester Stuttgart uraufgeführt wurde. Es ist gleichzeitig sein erstes Konzert für ein Blasinstrument. Die Idee zu einem solchen Stück entstand bereits während unserer gemeinsamen Zeit in Karlsruhe, aber die Realisierung ließ viele Jahre auf sich warten. Es wurde schließlich zwischen September und dem 30. November 1997 als Auftragskomposition des Philharmonischen Orchesters Augsburg geschrieben. Dass es ein Konzert für Oboe d'amore und nicht für Oboe wurde, liegt an einer besonderen Sympathie für dieses Instrument, die der Komponist mit mir teilt.

Die Aufführungsdauer des Werks beträgt ca. 27', was durch zwei Solokadenzen und eine größere aleatorische Orchesterpassage ein wenig variieren kann. Die Orchesterbesetzung ist mittelgroß, aber ziemlich ungewöhnlich und sehr farbenreich. Vorgeschrieben sind:

1 Große Flöte mit Piccolo
1 Altflöte
1 Es - Klarinette
1 Bassetthorn
1 Bassklarinette
1 Fagott
1 Kontrafagott
3 Hörner
2 Trompeten
1 Posaune
1 Harfe
1 I. Schlagzeug mit Hängebecken, kleiner Trommel,
3 Triangeln, Peitsche, Rute und Glockenspiel
1 II. Schlagzeug mit Tamtam, Schüttelrohr,
3 Holzblöcken, 4 Bongos und großem Hammer
4 Pauken (1 Spieler)
6 I. Violinen
6 II. Violinen
5 Bratschen
4 Violoncelli
3 Kontrabässe (Fünfsaiter).

Generell ist zu bemerken, dass die Partitur sehr konsequent darauf ausgerichtet ist, die Solostimme unforciert zu Wort kommen zu lassen. Außerdem ist der Solopart physisch sehr angenehm angelegt. Man gerät nie auch nur an den Rand atemtechnischer oder ansatzmäßiger Erschöpfungszustände, und im Vergleich zur Aufführung des Strauss - Oboenkonzerts ist das Thoma - Konzert in konditioneller Hinsicht geradezu ein Spaziergang (allerdings nur unter diesem Aspekt!).

Das Konzert ist ein großer durchkomponierter dreiteiliger Satz von 315 Takten, der zwischen dem ersten und zweiten und im dritten Teil durch Solokadenzen zweimal unterbrochen wird. Die Grundstimmung des Stückes ist ausgeprägt lyrisch, was sicher dem Wesen des Soloinstruments gut entspricht. Obwohl klar erkennbare Motive erscheinen, einige sogar immer wieder, findet eine Motiventwicklung im klassisch - romantischen Sinn nicht statt. Thoma bedient sich einer sehr freien Tonalität, die aus seinem inneren Klanghören entspringt (mit dem absoluten Gehör begabt, kann er bei der Komposition auf das Klavier als Hilfsmittel verzichten). Der Möglichkeit einer wirklichen Atonalität steht er auch theoretisch sehr skeptisch gegenüber, da er der Ansicht ist, dass sich das menschliche Gehör selbst bei strikt atonalen Kompositionen ständig tonale Brücken bauen muss.

Der Puls des Stückes ist meist ruhig (die schnellste Metronomangabe ist Viertel = 120), und die Metren sind unkompliziert, was sich über die Rhythmik jedoch nicht unbedingt sagen lässt. Trotz der erwähnten lyrischen Grundstimmung des Werks sind die technischen Anforderungen an das Orchester und besonders an das Soloinstrument beträchtlich, nicht zuletzt durch eine generelle Vorliebe des Komponisten für instrumentale Extremlagen, die sowohl im Orchester als auch im Solopart häufig genutzt werden. So wird in der Solostimme beispielsweise in der Tiefe das gegriffene h 37 mal
und das c' 51 mal, in der Höhe das gegriffene f'" 24 mal, das f#"' 6 mal, das g'" 9 mal und das g#'" 4 mal verlangt, Repetitionen jeweils nicht mitgerechnet. Dazu kommt noch eine kurze unbegleitete Passage, in der der Komponist nach eigener Aussage einen gequälten Ausdruck beabsichtigt, bei der nach einem gegriffenen g'" vom as'" aus Einzeltöne mit Fermaten in Vierteltönen nach oben zu spielen sind, "möglichst hoch, je nach Rohr und Können des Oboisten". Diese Partituranweisung nahm ich als Anregung, die Passage mit einem Sprung auf das klingende g"" zu beenden, einem überraschenden Zufallsfund auf der Suche nach geeigneten Vierteltongriffen im Altissimo - Register (2. und 3. Oktavklappe, g# - Klappe, e - Deckel; Zahnansatz mit nicht zuviel Druck an der richtigen Stelle).

Trotz der Bevorzugung extremer Lagen bleiben sowohl die Orchesterstimmen als auch der Solopart weitgehend im konventionellen Rahmen klassisch - moderner Partituren, was die geforderten Spieltechniken angeht. Das bedeutet für die Solostimme, dass von den "modernen" Techniken nur einige wenige überhaupt angewandt werden, und selbst diese äußerst sparsam. Das macht das Stück unmittelbar auch Spielern zugänglich, die mit dem sogenannten "Avantgarde"-Repertoire nicht allzu vertraut sind. So gibt es im ganzen Stück nur einen einzigen Ton mit Flatterzunge, diesen allerdings in einer der beiden Kadenzen, und neben der bereits erwähnten extrem hohen Stelle kommt nur noch eine andere kurze Passage vor, in der ein Vierteltonschritt verwendet wird. Dazu werden einige Male vier verschiedene Doppelflageoletts eingesetzt, die natürlich ein halbautomatisches Instrument voraussetzen. Der Komponist beabsichtigt allerdings, zu diesen Stellen noch eine Alternativfassung für vollautomatische Instrumente auszuarbeiten.

Normale Flageoletts und Farbgriffe sind nirgends vorgeschrieben, aber ihre Verwendung an geeigneten Stellen entspricht durchaus den mündlich geäußerten Intentionen Xaver Paul Thomas. Überhaupt war der Komponist sehr entgegenkommend bezüglich kleiner Modifikationen der Solostimme. So bezeichnete er auf meine Anregung hin zwei sehr tiefe Passagen "ossia 8va", eine Wahlmöglichkeit, die ich gerne in Anspruch nahm. Darüber hinaus gestattete er noch einige andere kleine Detailänderungen, die zwar nicht in der Partitur eingetragen wurden, aber mir und meiner Spielweise entgegenkamen. Mit ähnlicher Flexibilität werden bestimmt auch andere Interpreten rechnen können.

Das Werk rief sowohl beim Publikum und als auch bei meinen Orchesterkollegen unterschiedliche Reaktionen hervor, wie das bei der Uraufführung eines neuen Stückes schließlich auch zu erwarten ist. Allerdings hatte ich durchaus das Gefühl, dass die Zustimmung eindeutig überwog, und nach dem Applaus zu schließen, waren beide Aufführungen bestimmt ein Erfolg. Auch die Presseresonanz war sehr positiv und hob besonders das Raffinement der Klangpalette dieser Partitur hervor.

Ich denke, die Beschäftigung mit diesem Stück lohnt sich für jeden, der Interesse an nachbarockem Repertoire für Oboe d'amore hat, und ich würde mich freuen, von anderen Aufführungen "meines" Konzerts zu hören oder zu lesen.

Gerhard Veith

 

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