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100. Kafka-Ballett-Notizen

 

NOTIZEN ZUR

BALLETT-PARTITUR „KAFKA" von Xaver Paul Thoma

 

Es gibt wenig Dichter und Schriftsteller,

die mich seit meiner frühen Studienzeit (Karlsruhe 1968) bis heute faszinieren, und die vor allem für mein Komponisten-Leben wichtig geworden sind. Eigentlich sind es nur zwei, die bis zum heutigen Tag über nahezu 30 Jahre fähig sind, mein Seelenleben zu erschüttern:
Friedrich Hölderlin - Franz Kafka
Eine Verbindung zwischen beiden herzustellen mag zunächst ein Erstaunen hervorrufen, und leider ist es mir an dieser Stelle jetzt auch nicht möglich, mich darauf einzulassen alles aufzuschreiben, was mir durch den Kopf geht.
Für mich das Wichtigste - Kraft zu schöpfen aus der „Stille", aus der „Nacht": Hölderlin lebt mehr als die Hälfte seines Lebens in seinem Turm in Tübingen; seine Gedichte, auch im Fragment in der Aussage bestechend klar, sind von einer lebendigen Wärme erfüllt, die seine geistige Umnachtung vergessen lassen.
Franz Kafka wiederum bevorzugte zur produktiven Arbeitszeit die NACHT, geräuscharm und einsam in sein aktuelles Arbeitszimmer zurückgezogen. Falls dies in Prag nicht gegeben war, zog er auch schon mal für einige Zeit zu seiner Schwester Ottla aufs Land, um die äußeren Bedingungen für seine Arbeit zu schaffen.
Nun, auch meine bevorzugte Arbeitszeit ist der dunkle Teil der täglichen24 Stunden. Konzentriert auf die vor mir liegende, entstehende Partitur fällt alles außerhalb des Lichtkegels auf dem Schreibtisch ins Unwichtige, Nichtexistente.
Bereits 1967 entstanden einige Hölderlinvertonungen für Singstimme und Klavier, 1969/70 Gesänge mit Orchester, für Chor a capella - während die Welt Franz Kafkas erst sehr viel später konkret durch meine Musik den Versuch der Umsetzung erfahren hat. 1987 Komposition einer 30 Minuten dauernden Partitur mit dem Titel Kafka für Bariton und 7 Instrumente. Für dieses Werk habe ich mir aus Kafkas Tagebüchern den Text selbst zusammengestellt. Möglich ist sowohl eine konzertante wie auch eine szenische Aufführung. Wie so oft im Umfeld von größer dimensionierten Partituren entstehen bei mir kleinere Werke, in diesem Fall das vier Minuten dauernde Kafka-Fragment für vier Fagotte mit dem Titel „Nichts als ein Erwarten ..."
Etwa 1988 kam es bei einem Treffen mit Lothar Höfgen zu dem Gespräch, das den Plan zu einem Kafka-Ballett in den Raum gestellt hat.
Etwa so muss man sich das vorstellen: Ein junger Komponist erfährt, dass der Ballettdirektor auf der Suche nach einem symphonischen Werk Neuer Musik ist, das sich für eine Choreographie eignet. Hoffnungsvoll reicht er die Partitur eines schon älteren Werkes für sehr großes Orchester (mit viel Schlagwerk) zusammen mit dem Bandmitschnitt der Uraufführung ein und hofft, und hofft, und hofft ...?
Nach einigen Wochen wird der schon hoffnungslose Komponist zu einem Gespräch gebeten. Sollte etwa ...? Um für das Gespräch gut gerüstet zu sein, befindet sich in der Tasche des jungen Komponisten der Plan zu einem abendfüllenden Ballett, eine Dichtung
von Oskar Kokoschka, sehr erotisch, etwas besseres für ein Ballett gibt es gar nicht. Der Komponist ist sich sehr sicher, dass der Ballettdirektor nur ganz begeistert sein kann und sofort einen Uraufführungstermin festsetzt.
Nun, nach der Begrüßung eine Tasse Kaffee, freundlich ...: „Leider ist das eingereichte Symphonische Werk für den gedachten Zweck etwas zu lang, die Entscheidung ist zugunsten eines älteren Kollegen gefallen, da kann man nichts machen ...", aber der Ballettdirektor erwähnt interessante Klänge, scheint offen für ..., hat der junge Komponist den Mut, das erotische Ballett zu erwähnen? Er hat, inzwischen wird der Kaffee kalt, dafür die Euphorie des erzählenden Komponisten immer hitziger, am Ende fehlt nur noch die erlösende Zustimmung des Ballett-Direktors ...!?
Der Komponist erhofft ein JA, rechnet immerhin mit einem NEIN - aber nicht mit der dritten Möglichkeit, die ja eigentlich mit dem soeben Vorgetragen
gar nichts zu tun hat: was ich schon lange einmal vorhabe, ist ein Ballett über Franz Kafka, und ich sehe aus Ihrem Werkverzeichnis, dass Sie sich letztes Jahr mit Kafka auseinandergesetzt haben. Hätten Sie nicht Lust?"
Der junge Komponist ist erst einmal sprachlos, hat aber dann spontan sein „sehr großes Interesse" bekundet. Man blieb in Kontakt ...
Inzwischen ist es Mai 1997, und in wenigen Tagen wird das Ergebnis (das vor immerhin ca. neun Jahren seinen Ursprung nahm) in Hannover zur Uraufführung kommen.
lch habe natürlich nicht die ganzen Jahre gebraucht, um die Partitur zu schreiben, es gab in dieser Zeit viel anderes zu komponieren - Kammermusik, Orchesterwerke, nicht zu vergessen die Kammeroper „Draußen vor der Tür", aber die Beschäftigung mit den Texten, Briefen von Kafka oder über Kafka hat kontinuierlich stattgefunden.
Etwa zwei Jahre später (1990) wurde das Ganze konkreter, ich bekam einen offiziellen Auftrag, und ganz wichtig natürlich: Das Libretto des Choreographen Lothar Höfgen, in diesem Fall eine Art Handlungsstrang in wenigen Stichworten, Lebensstationen Franz Kafkas, abwechselnd (sich ergänzend) mit literarischen Ebenen. Vorgesehene Personen und zeitliche Proportionen waren natürlich genauestens angegeben. Ein großer Unterschied zu einem Opernlibretto! Für mich als Komponist eine wunderbare Freiheit, aber auch große Verantwortung.
Die Uraufführung war auf Dezember 1995 festgesetzt. Im Januar 1994 habe ich mit der Niederschrift der Partitur begonnen, als ich einige Wochen später von der Intendanz gebeten wurde, aus spielplantechnischen Gründen einer Verschiebung in die Spielzeit 1996/97 zuzustimmen. Die Arbeit an der Partitur wurde für etwa ein Jahr unterbrochen (in dieser Zeit entstanden ein Violinkonzert und mehrere Kammer-Musikwerke), bevor dann endgültig in der zweiten Jahreshälfte 1995 bis Ende 1996 die kontinuierliche Niederschrift der Partitur erfolgte.
Hatte ich 1993 für einen befreundeten Sänger einen Zyklus komponiert -Kafka-Fragmente II für Bariton und Klavier (wiederum Texte aus den Tagebüchern) - so wurde 1995/96 die Arbeit an der großen Ballett-Partitur flankiert von zwei weiteren Kafka-Fragmenten:
No. III „Ein anderes Erwarten"für Streichorchester.
No. IV „Brief an Ottla" für Streichtrio und zwei Fagotte.
Ein Nachklang ist jetzt in Arbeit, de im November 1997 in Stuttgart uraufgeführt werden soll:„Franz an Ottla" - ein Traum für acht Instrumente.
lch bin mir allerdings sicher, dass das Thema Franz Kafka für mein Komponistenleben noch nicht erschöpft ist, eher habe ich das Gefühl, wie in einem riesigen Schloss erst ein paar Türen geöffnet zu haben, und für jede Tür erscheinen zehn neue Türen. lch wünsche mir genügend Zeit, die Geheimnisse des Schlosses zu ergründen.

Bad Mergentheim 7. Mai 1997

 

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