xpt 51.Presse-Echo

Musikalischer Aufarbeitungsversuch der Geschichte

Ich bin in Sehnsucht eingehüllt" ist der Titel der sieben Lieder für Sopran op. 37a, die Jemmi-Lou Rye sang, am Klavier begleitet von Günther Hauer. Nach Texten von Selma Meerbaum-Eisinger hat Xaver Thoma sie zwischen 1984 und 1986 komponiert. Selma Meerbaum-Eisinger (geb. 1924) war Jüdin, stammte aus Czernowitz und starb im Alter von 18 Jahren in einem deutschen KZ. In ihren für die Nachwelt geretteten Gedichten schrieb sie als Siebzehnjährige von Liebe, Sehnsucht und Hoffnung, aber auch vom Wissen um Nichterfüllung. Mit der Vertonung dieser Texte wollte der Komponist ein Stück „Aufarbeitung unserer Geschichte" liefern.
Die Komposition ist sehr expressiv und weist große Kontraste in Dynamik und Tonhöhe auf. Die beiden Interpreten zeigten sich sehr einfühlsam und unterstrichen auf eindrückliche Weise den Text, der klar beim Zuhörer ankam. Sie vermittelten unmittelbar Stimmungen wie Wehmut, Weinen, Müdigkeit oder das Sich-Verflüchtigen am Ende des Stückes.
Ellen Becht
BNN 20.12.1989

 

7 Lieder

Bei der Uraufführung der Orchesterfassung in Hannover nun konnte man bemerken, wie sehr sich inzwischen Akzente verschoben haben. Weniger als Kontrast oder Kommentierung zu erleben ist die Orchesterarbeit, die nun den Gesang einfasst und umhüllt. Aus der Auseinandersetzung ist eine Einheit geworden, in der die Sehnsuchtsattitüde potenziert.
Thomas Ausdruck forscht den direkten Empfindungen, den deutlichen Metaphern im Werk der Meerbaum-Eisinger nach und zeichnet sie als monologischen Prozess. Immer also ist das musikalische Geschehen Handlung, Rede, Entwicklung. Dies natürlich nicht im programmmusikalischen Sinne, obwohl die Gedichte Anlass für bildhafte Darstellungen zuhauf bieten. Dass diese gerade nicht übertragen werden, dass sich die Musik auch nicht in Seelenschilderungen ergeht, sondern in Distanz dazu eine eigene Ausdruckswelt entwirft, ist ihre Stärke.
Es ist die Umformung des kurzen, seufzerartigen Motivs, der Keimzeile für die dramatische Entwicklung, die Distanz und trotzdem expressives Fühlen vereint. Mit Romantik aber, so Xaver Thoma in einem Programmheftbeitrag zu dem Konzert, habe dieser Zyklus nichts zu tun. Er habe eher das Gefühl, es handele sich bei den Stücken um kleine Opern. Dabei ist Xaver Thoma ein Werk gelungen, das Selma Meerbaum-Eisinger, eines von den sechs Millionen jüdischen Opfern des Nationalismus, neu sprechen lässt;
von ihrer Sehnsucht, ihren Gefühlen und ihrem Leben.
Thomas Höft
EJZ 25.11.1988

 

Ein Plädoyer für Neue Musik

Höhepunkt des Programms schließlich war die Uraufführung von sieben Liedern für Sopran und Klavier, die Thoma nach Gedichten von Selma Meerbaum-Eisinger komponiert hat. Carola Sonne-Bücklers und der Pianist Helmut Sonne stellten die intimen Klangbilder in einer eindringlichen Interpretation vor. Die Liebesgedichte der im Alter von 18 Jahren im KZ Michailowska ermordeten Lyrikerin, deren Sprache voller schwerer Metaphern und direkter Sehnsucht starrt, hat Thoma in eine sehr zarte, fließende Musiksprache gekleidet. Sehr sanglich sind dabei die melodischen Linien ausgearbeitet, in die der Klavierpart manchmal regelrecht hineinstolpert, um den schwärmerischen Ton mit Bedrohlichkeit zu brechen, um kleine fast schelmische Kapriolen zu vollführen oder um die Sehnsucht der Worte zu doppeln. Aus dieser Eigenständigkeit beider Musiker ergibt sich im Höreindruck eine übergeordnete Synthese von Stimme und Instrument, die sich gegenseitig nicht zur Rührung missbrauchen, sondern Stimmungen sehr genau in ihrer Widersprüchlichkeit zu zeichnen vermögen. Ein gelungenes Plädoyer, der Neuen Musik sein volles Interesse und Herz zu schenken.
Thomas Höft
EJZ, 9.5.1988

 

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