"Draußen"-Personen

Versuch einer musikalischen

Charakterisierung der Personen

Xaver Paul Thoma

 

BECKMANN

Die Partie des „Beckmann" stellt an den Sänger höchste musikalische und darstellerische Ansprüche. Die Stimme wird dabei immer wieder in Grenzbereiche geführt. Das reicht von leisen Passagen in der Kopfstimme, Geflüster, Geröchel (Sprechgesang) bis zu heftigem Schreien.
Im Verlauf der ganzen Oper wird immer wieder auch das gesprochene Wort als Ausdrucksmittel eingesetzt, so z. B. ganz am Ende der Oper, nachdem auf Grund der äußersten Verzweiflung, einer immer mehr nach innen gerichteten seelischen Erstickung, die Musik einfach versiegt, verstummt. („GIBT DENN KEINER, KEINER ANTWORT????")
Ein Versuch, dieser angespannten Atmosphäre etwas Ruhe zu geben, findet sich in der vierten Szene, als Beckmann dem Kabarettdirektor sein Liedchen „von der tapferen Soldatenfrau" vorsingt und seine erregte Verzweiflung erst ganz gegen Ende wieder durchbricht.

 

DER ANDERE

Die Figur des „Anderen" ist kompositorisch doppelbödig angelegt. Als unsichtbarer Doppelgänger betrachtet er distanziert das Geschehen. Seine Ausdruckspalette reicht von moralisierendem Ernst und sehr direkt eingesetzter Ironie bis zu väterlicher Güte und zu Optimismus. Viola d'amore und Harmonium sind ihm als instrumentaler Klang zugeordnet.

 

DAS MÄDCHEN

Die Gesangslinie ist sehr sprunghaft geführt, um der Freude über die Möglichkeit einer menschlichen Beziehung Ausdruck zu geben. Im Verlauf der Begegnung mit Beckmann mischen sich immer mehr lyrische Elemente dazwischen; die Melodik beruhigt sich immer mehr, je mehr sich das Mädchen bemüht, Beckmann Lebensmut zu geben.
Das Englischhorn ist die Orchesterfarbe des Mädchens.

 

DER OBERST

Er gibt sich jovial und überlegen. Das Kriegsgeschehen erinnert er kaum noch; es wird erst durch das Zitat des Liedes „Volk ans Gewehr" wieder in die für ihn typische Überzeugungshaltung gerückt. In einem kurzem Ensemble versucht der Oberst, sich gegen seine hysterische Familie beruhigend durchzusetzen.

 

SEINE FRAU

Die Frau Oberst ist matronenhaft und distinguiert. Sie wendet sich nie direkt an den Besucher Beckmann, sondern bittet ihren Mann, ihre Meinung weiterzugeben. Anfangs ist sie musikalisch noch etwas blass und unsicher, dann lässt sie sich von der Hysterie ihrer Tochter anstecken. Mit zunehmender Angst wir die Gesangslinie zerklüftet, Septimsprünge herrschen vor.

 

DIE TOCHTER

Ihrer püppchenhaften Erscheinung, ihrer Oberflächlichkeit und Hysterie entspricht eine Gesangslinie mit großen Intervallsprüngen, koloraturartigen Gebilden und Trillern.

 

DER SCHWIEGERSOHN

Sehr ähnlich eingesetzte Ausdrucksmittel (wie bei seiner Frau) sollen zeigen, dass es ihm an eigenständiger Persönlichkeit mangelt. Er nimmt in der Familie des Oberst eine eher geduldete und untergeordnete Stellung ein.

 

DER KABARETT-DIREKTOR

Sein anfangs leichter und schwebender Tonfall soll vermitteln, wie er realitätsfern und selbstverliebt sein Wunschbild eines Künstlers in den Raum stellt. Seine Selbstüberschätzung wird melodisch durch große Geschmeidigkeit in der Gesangslinie verdeutlicht, die sich innerhalb kurzer Zeit mehrfach in einem umfangreichen Intervallraum von annähernd zwei Oktaven bewegt

 

FRAU KRAMER

In ihrer Beschränktheit hat sie zuerst überwiegend große Notenwerte zu singen. Mit dem Erwachen ihrer Neugierde wird die Gesangslinie im Ausdruck immer schnoddriger, wird der Sprache angepasster. Scheinheiligkeit blitzt choralartig inmitten ihrer Geschwätzigkeit auf.

 

DER ALTE MANN/DER LIEBE GOTT

Seine beiden kurzen Gesänge bewegen sich melodisch in einem engen Intervallraum. Dadurch entsteht eine hilflose, weinerliche Stimmung.

 

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