88. Hölderlin-Fragmente

 

Biographische Inseln mit Friedrich Hölderlin

Es gibt sicher im Leben eines jeden Menschen Kindheits- und Jugenderlebnisse, die irgendwann im Erwachsenenleben wieder mit Heftigkeit nach außen drängen und lange zurückliegende Erinnerungen wieder lebendig werden lassen.
Nun, die wichtigste Begegnung in meinem Leben ist zweifellos die geheimnisvolle Welt der Musik, die bis zum heutigen Tag mein tägliches Denken und Fühlen mit immer größer werdender Intensität erfüllt.
Um mir nach einer Kinderkrankheit in meinem vierten Lebensjahr die langwierige (und langweilige) Genesungszeit zu erleichtern, schenkten mir meine Eltern eine Blockflöte; und so hatte ich während einiger Wochen viel Zeit, die Kraft der Musik zu entdecken. Ausgerüstet mit einer Grifftabelle und einigen Tips von meinem Großvater (der als Berufsmusiker außer Violine und Klavier auch Klarinette und Trompete spielen konnte) ist mir noch sehr klar in Erinnerung, daß das Erfinden von Melodien mich in große Erregung versetzte. Allerdings gab es damals (1957) noch keine Versuche meinerseits, diese Melodien aufs Notenpapier zu malen.
Eine weitere wichtige (für mich) Episode handelt von zwei Kochlöffeln, mit denen sich in kindlicher Einbildungskraft wunderbar musizieren ließ: In meinem Elternhaus (Gasthaus »Zur Kanone« in Haslach/Kinzigtal) gab es jede Woche im Nebenzimmer Chor- und Orchesterproben der »Harmonie« Haslach, und besonders die Proben des Laienorchesters wurden von mir begeistert besucht. Da ich noch keine eigene Geige hatte, besorgte ich mir einfach aus der Küche zwei große Kochlöffel, setzte mich zu den Orchestermusikern und spielte mit. Der Lohn dieses »ersten Probespiels« war eine Viertelgeige, die am Ende dieses ereignisvollen Jahres (1958) am 24. Dezember alle anderen Geschenke vollkommen übertrumpfte.

 

Im Alter von etwa zwölf Jahren entstanden dann die ersten Kompositionen, überwiegend Geigenduos, die ich mit einem Freund sofort ausprobierte. Auch die ersten Lieder sind in den folgenden Jahren (1966/67) entstanden, überwiegend auf Gedichte von Goethe und Wilhelm Busch, aber auch Friedrich Hölderlin. In der nicht sehr umfangreichen elterlichen Bibliothek befand sich nämlich eine Vorkriegsausgabe (1937) mit einer Auswahl verstümmelter Gedichte und Texte Friedrich Hölderlins, herausgegeben unter dem Motto: Gestalten und Urkunden deutschen Glaubens -und eben dieser Friedrich Hölderlin hat mich in eine große Unruhe versetzt.
Unverständlich, deshalb geheimnisvoll, lebte ich mit diesem Buch in fernen Welten einer Diotima und eines Hyperion, der griechischen Götter oder irdischer schwäbischer Wanderungen.
Eine andere Art von Wanderung in immer wiederkehrender Form rührte mich inzwischen alle zwei Wochen (sonntags) mit der Eisenbahn nach Oberkirch im Renchtal. Dort lebte Albert Dietrich (1908-1979), Solobratschist des SWF-Orchesters Baden-Baden, der, nach den ersten Unterrichtsjahren bei meinem Großvater Karl Thoma, ab meinem neunten Lebensjahr (1962) meine Ausbildung auf der Geige übernahm. Diese Unterrichtsbesuche haben in vielfältiger Weise mein Musik- und Lebensverständnis in späteren Jahren geprägt. Staunend absolvierte ich meinen Geigenunterricht in einer Wohnung, die bis unter die Decke mit Büchern gefüllt eher einer Bibliothek glich, und gar manches Mal hat er mir eines davon in die Hand gedrückt mit den Worten: »Xaverle, do lies, guate Biacher schadet nix«.
Er war es auch, der mich zu kontrapunktischen Studien angehalten hat, besonders durch Hinweise auf Schönbergs Streichquartett op.7 und die Kammersymphonie op.9;
und auch über Max Reger sind mir intensive Gespräche noch lebhaft in Erinnerung.
Auch einer dem Komponieren verwandten Kunst verdanke ich viele Anregungen:
Albert Dietrich war ein exzellenter Koch!
Nun, Albert Dietrich war an der Musikhochschule Karlsruhe als Lehrer tätig; und so kam es dazu, daß ich schon 1968, also mit 15 Jahren, mein Musikstudium in Karlsruhe aufgenommen habe: Violine und Viola bei Albert Dietrich (später bei Jörg-Wolfgang Jahn), ebenso Kammermusik, besonders intensiv Streichquartettspiel (als Bratschist war ich von 1972-1980 Mitglied des Wahl-Quartetts).
Musiktheoretische Studien wie Analyse, Kontrapunkt, Harmonielehre hatte ich u.a. bei Eugen Werner Weite und Roland Weber belegt. In diese erste Karlsruher Zeit (1969) fällt meine zweite intensive Beschäftigung mit Hölderlin - es entstanden etliche Lieder mit Klavier, erhalten hat sich auch noch eine Orchesterfassung An Diotima, und für gemischten Chor a capella Geh unter schöne Sonne.
In den folgenden Jahren erhält das Komponieren in meinem Leben immer mehr Gewicht, und so fällt im Sommer 1976 während der Arbeit an meiner ersten Opernpartitur (unvollendet) der Entschluss, meine Stelle in der Badischen Staatskapelle Karlsruhe (in der ich seit 1973 als Bratschist Mitglied war) zur Spielzeit 1977 zu kündigen, um mehr Zeit zum Komponieren zu haben.
Über 20 Jahre sind vergangen, in denen Friedrich Hölderlin in meinem Leben und meiner Musik keine Rolle mehr gespielt hat, bis zufällig 1992 ein kleines Buch mit Gedichten, Texten, Fragmenten verschiedener Dichter und Schriftsteller in meine Hände fällt, und ich lese Hölderlin, aus Hyperion; »...wie ein zerrissen Saitenspiel...«, und plötzlich gibt es wieder Annäherung an Friedrich Hölderlin, scheu, unsicher, aber von drei Seiten:
Drei Lieder für Sopran und Klarinette (1993)
Hölderlin-Fragmente für Tenor und Orchester (1993)
und als drittes Werk ein Violinkonzert, das zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes noch in Arbeit ist.

Xaver Paul Thoma
Bad Mergentheim, 17. II. '94

 

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