WIE EIN ZERRISSEN SAITENSPIEL

 

Die Beschäftigung mit Friedrich Hölderlin

Hyperion beeinflusste zwei Werke aus den Jahren 1993/94 sehr direkt: Die Hölderlin-Fragmente für Tenor und Orchester und das Violinkonzert. Beide Werke verdanken ihre Entstehung auch einem äußeren Anlass: als Auftragswerke zum 400jährigen Bestehen des Württembergischen Staatsorchesters Stuttgart.
Wenn Hyperion an Bellarmin schreibt: »Wie war denn ich? War ich nicht wie ein zerrissen Saitenspiel? Ein wenig tönt ich noch, aber es waren Todestöne.«, so drängt sich sofort tiefe Resignation in den Vordergrund. Im Umfeld dieser Sätze gibt es aber auch wärmendes Licht: »Und dennoch kehrt sein Frühling wieder! Weint nicht, wenn das Trefflichste verblüht! bald wird es sich verjüngen! Trauert nicht, wenn eures Herzens Melodie verstummt! bald findet eine Hand sich wieder, es zu stimmen!«
Diese beiden Pole, Plus und Minus, bilden den Grund, auf dem das Violinkonzert gewachsen ist. Nun darf niemand eine traditionelle Konzertform erwarten. Es handelt sich um einen großen, langsamen Satz, der durch zwei Cadenz-Einschübe in drei Teile gegliedert wird.
Mit dem Beginn habe ich eine ältere Idee aufgegriffen, die Schlusstakte eines Werkes gleichzeitig zum Beginn einer neuen Partitur zu benutzen. (»Concerto grosso« -Musik für Orchester) Allerdings, eine wörtliche Übernahme der ersten Takte hat mich als Komponist nicht befriedigt - so gibt es auch hier gleich Erweiterungen und auch Instrumentationsretuschen. Unbedingt erhalten geblieben ist der Impuls zum Neubeginn, die Gestik, verbunden mit einem Grundakkord.
Auch der Orchesterklang lässt sofort wissen, Düsternis und Ernst werden vorherrschen.
In der Harmonik fällt den Sekunden eine wichtige Funktion zu, z. B.

 

 

Auch folgende lyrische Floskel, gleich zu Beginn in der Solo-Violine, bewegt sich auf engem Raum:

 

 

deren Rahmen ein Tritonus bildet, ist sozusagen die Hefe, die den Gärprozess lebendig hält. An diesem Punkt meiner Betrachtung lege ich eine scharfe Abkehr vom Wege einer beginnenden Analyse ein - dies überlasse ich lieber anderen. So gerne ich Werke anderer Komponisten neugierig untersuche, ja manchmal mit großer Befriedigung bis in kleinste Verästelungen durchleuchte, bei eigenen Werken hält mich persönliche Scheu auf Distanz - zumindest bei neueren Stücken fehlt mir der zeitliche Abstand zum Kompositionsprozess, um ehrlich und unbelastet über meine eigene Musik reflektieren zu können.
Den Geiger Joachim Schall kenne ich ungefähr seit fünfzehn Jahren, und einen Plan, für ihn ein Werk für Geige und Orchester zu schreiben, gibt es auch schon etliche Jahre.
Wie eingangs erwähnt, ist die Partitur 1993/94 entstanden, aber im Herbst 1992 habe ich eine Art »Studie« geschrieben - betitelt »Cadenza« für Violine solo. Joachim Schall spielte im April 1993 die Uraufführung und hatte damit schon vor Beginn der Partiturniederschrift des Violinkonzerts das musikalische Material in Händen. Teile dieser »Cadenza« sind vorwiegend im dritten Abschnitt in den Solo-Part eingegangen, während die beiden »Cadenzen« im Violinkonzert eine neue Gestalt erhalten haben. Die »Cadenza« für Violine solo ist somit ein eigenständiges Werk, das auch losgelöst vom Violinkonzert aufgeführt werden kann.
Vor einigen Wochen hat mir Joachim Schall das Violinkonzert zum ersten Mal komplett vorgespielt (mit einer auf Klavier reduzierten Orchesterfassung), und bei dieser Gelegenheit bekannte er mir eine leichte Irritation bezüglich der formalen Anlage
des Stücks, besonders im Hinblick auf den retardierenden inneren Puls nach der zweiten Kadenz. Das ist natürlich gewollt; hat mit Hölderlins Hyperion zu tun, genauer gesagt mit meiner ganz persönlichen Reflexion der Hölderlinschen Dichtung. Auch habe ich hier wie so oft meiner Neigung nachgegeben, einen »leisen« Schluss zu komponieren. Die Stringenz des Partiturbeginns erfährt also keine Entsprechung am Ende. Und die beiden Cadenzen zeigen ihre enormen technischen Forderungen an den Solisten auch nicht offen.
Bei aller Schwierigkeit des Soloparts verweigert diese Musik dem Virtuosen das »äußerliche Glänzen«, ist der Solist Teil eines symphonischen Ganzen.

Xaver Paul Thoma, Bad Mergentheim, 4. November 1995

 

http://www.xaver-paul-thoma.de/werkverzeichnis/xpt091/xpt095/wieeinzerrissensaitenspiel.php

 

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