xpt 95. Presse-Echo

In lichter Bläue

Thomas Violinkonzert trägt den Titel „... wie ein zerrissen Saitenspiel". Die Anspielung auf Hölderlins „Hyperion" scheint nicht zuletzt auf die „lichte Bläue" gemünzt, in der sich die Solovioline von Anfang an ergeht, über den brodelnden dumpfen Tiefen, die. dem Orchester vorzugsweise zugeordnet sind. Eine ausladende, halbstündige Elegie, die durch zwei Kadenzen klar in drei Abschnitte gegliedert ist, besticht das Konzert durch seine dunkel getönte, weitbögige Lyrik, die verschiedentlich an Alban Bergs Violinkonzert erinnert. Auffallend die starke Einbeziehung der Harfe, die zusammen mit der Celesta und dem Klavier der Partitur ihre individuelle Koloristik leiht und sich nach der zweiten Kadenz mit der Solovioline zu einem wundersamen Zwiegesang vereint.
Man hat den Eindruck, dass das Orchester wiederholt Anstrengungen unternimmt, die Violine aus ihren Höhenflügen zu sich in den Abgrund zu ziehen, auch mit gelegentlichen Schlagzeugattacken, aber das gelingt nur temporär - immer wieder befreit sie sich von ihren Erdenschlacken und zieht in azurner Bläue unbeirrbar ihre Bahn.
Am Schluss eindeutig auf Versöhnungskurs, wenn sich ihre tiefensatte Melodie wie ein Echo in der Stratosphäre verliert, nachdem sie sich noch einmal separat von der Harfe verabschiedet hat. Joachim Schall, bewährt auf vielen Territorien der Neuen Musik, erwies sich auch diesmal wieder als ein Geiger der Sonderklasse und eloquenter Anwalt der „Herzens Melodie" des Komponisten. In partnerschaftlichem Einvernehmen mit Auguin und seinen Kollegen vom Staatsorchester erspielte er dem Thomaschen Violinkonzert einen weniger lautstarken als still nachwirkenden Erfolg, dem eine über Stuttgart hinaus ausstrahlende Wirkung zu wünschen wäre.

Horst Koegler
Stuttgarter Zeitung, 24.11.1995

 

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