WOHER ICH KOMME..., WOHIN ICH GEHE Musik I + II

 

Scheinentwicklung des Kernes

Woher ich komme (Musik l) ist mit Rückgriffen auf Material aus der Zeit um 1976 [Oper »Mont Cinere«, 2. Bild] komponiert. Die Arbeit an der Opernpartitur 1976/77 war damals für mich auch ein erstes Resümee meines »jungen« Komponierens. Deshalb habe ich als Ausgangsbasis für den ersten Teil dieses neuen Kammermusikwerks Material aus dieser frühen Zeit gewählt. Noch etwas grob behauen, offene Motivarbeit, bildet dieser 1. Satz (Musik l: »Woher ich komme...«) sozusagen die Ex-Position für den Durchführungsteil (Musik II: »Wohin ich gehe... «), in dem die Strukturen zersetzt, zerbröselt, zersplittert werden, auch die dynamischen Kräfte sich eher nach innen wenden und auch eine gezielte Pausendramaturgie sich formbildend behauptet. Die Form bleibt offene Durchführung, eine Reprise kann nicht stattfinden!
Xaver Paul Thoma

 

Man kann in Xaver Paul Thomas neuem Kammermusikwerk WOHER ICH KOMME..., WOHIN ICH GEHE Musik I + II recht bildhaft den Prozess des Werdens, der »Blüte« und des Vergehens erkennen. Bevorzugtes Intervall ist die kleine Sekunde, sowohl als Tonschritt als auch sich reibende Dissonanz. Während die Streichinstrumente langsam den Tonraum erweitern, den Kern zum Keimen bringen, umspannt das Klavier weite Tonräume, da mit die Möglichkeiten des Wachsens zunächst andeutend, dann Realität werden lassend. Gegen Ende des ersten Teils hört die Entwicklung quasi auf, tritt sie - mit dynamischen Abstufungen - mehr oder weniger auf der Stelle. Sie hat nur dazu geführt, daß das »Wesen« des Kerns, die kleine Sekunde, zur »Macht« wird, sie hat kaum den ihm innewohnenden Reichtum entwickelt.
Daher beginnt der zweite Teil, dem ersten attacca folgend, mit raschen Repetitionen der Sekund- (bzw. Nonen-)Dissonanz im Fortissimo. Dann »zersetzt« sich die starre und gleichzeitig machtvolle Behauptung des »Wesens« in verschiedene, kurze Figuren, die sich gegenseitig überlagern, sich behaupten wollen und im Gegeneinander »aufreiben«. Innerhalb dieses gibt es kleine Erschöpfungen und mahnende Einbrüche der absoluten Stille. Bis schließlich gleichmäßig pochende Tonrepetitionen an den unerbittlichen Verlauf der Zeit erinnern, an das Ende. Die ganze kraftvolle Selbstbehauptung findet zurück zur ersterbenden Erinnerung an den Ausgang, den Kern, die kleine Sekunde.

Karsten Bartels
Lübeck 1995

 

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