xpt 106.Presse-Echo

Kafka-Vertonung in Filderstadt

"Ihr wisst, dass ich Euch mit jedem Strahl meine Grüße schicke, und wer anders könnte sie Euch überbringen, wenn nicht die Sonne." Franz Kafkas Schwester Ottla schrieb dies 1943 heimlich an ihre Kinder - aus dem KZ Theresienstadt, kurz vor ihrem Tod.
Kein Wort über die Angst vor der Vernichtung. Ottla Davidova-Kafka erzählt in ihrem Brief vom "Birnbaum hinterm Zaun". Sie will ihre Kinder beruhigen, sie sollen sich keine Sorgen um die Mutter machen. Wenige Tage später wird sie in die Gaskammern von Auschwitz geschickt.
Ein erschütterndes Dokument.
Uraufgeführt wird die Komposition FRANZ AN OTTLA ( Kafka--Fragment V) , die Xaver Paul Thoma für das ensemble sur scene schrieb. "Es wird kein bedrückendes Konzert. Kafka ist ein Ermutiger", sagt Stephanie Haas.

Stuttgarter Nachrichten, 28.11.1997
Rainer Nübel

 

Kafkas geliebte Schwester

Schwarz war die Farbe des Abends, die Farbe der Trauer.
Zum Gedenken an den hundertsten Geburtstag von Ottla Davidova-Kafka, der jüngsten der drei Schwestern Franz Kafkas, fand in der Filderstädter Filharmonie ein Liederabend mit Lesungen statt. Schon an dieser Stelle hätte man voller Misstrauen zurückzucken können, war doch Ottla vordergründig lediglich die Schwester des großen Kafka, in dessen literarischem Windschatten sicher noch weitere Verwandtschaftsbeziehungen schlummern, die von einem peniblen Biographismus herausgestellt werden können.
Doch die Spur eines einzelnen Menschen, die 1943 in den Gaskammern von Auschwitz grausam verwischt wurde, ist allein schon stellvertretend für Millionen anderer der Trauer und des Gedenkens würdig, die keinen Bruder namens Franz Kafka aufweisen konnten. Erst jetzt erhellt sich das Bild einer Frau, der Franz Kafka zeitlebens vorbehaltlos vertraute, von der er sich zu Beginn seiner Tuberkulose-Erkrankung 1917 monatelang pflegen ließ, die regelmäßig Briefe ihres Bruders im Briefkasten vorfand, weil dieser etwa bei einem Aufenthalt in Berlin auch die kleinsten, unscheinbarsten Anekdoten mit der geliebten Schwester in der Ferne teilen
wollte. Diese Gedanken, Sehnsüchte und Ängste verdichtete Xaver Paul Thoma zu seiner kompositorischen Widmung FRANZ AN OTTLA ( Kafka--Fragment V) , die an diesem Abend als Uraufführung im Kleinen Saal der Filderstädter Filharmonie Weltpremiere feierte. So gesellt sich zur Farbe der Trauer auch noch der Klang der Wehmut und der Absurdität.

Stuttgarter Zeitung, 2.12.1997
Tomo Pavlovic

 

Innere Anteilnahme

Dichte Aufführung mit Kammermusikern
Zu Anfang unseres Jahrhunderts war Prag eine Stadt der Dichter und Literaten. Tschechen, Juden und Deutsche lebten miteinander in einet schöpferischen Symbiose. Franz Kafka war einer der vielen Schriftsteller, ohne als solcher - zum Beispiel von der eigenen Familie - beachtet zu werden.
Enge Kontakte unterhielt er mit einigen wenigen Freunden, so mit Max. Brod, und mit seiner jüngsten Schwester, Ottla. Sie wurde seine Vertauensperson. "Ottla", so zitierte Prof. Hartmut Binder in seinem komprimierten Einführungsvortrag, "versteht yieles", sehr im Unterschied zu seinen Eltern. Davon zeugt eine umfangreiche Sammlung von Briefen Franz Kafkas an seine Schwester.
Briefe Kafkas an seine Schwester leiteten zur zweiten Komposition des Abends über, somit den literarischen Hintergrund für die "Kafka-Fragmente V, Franz an Ottla" bildend. Xaver Paul Thoma verzichtet in seiner in Filderstadt uraufgeführten Komposition auf die menschliche Stimme. Sein Instrumentalsatz ist aber durchaus sprechend, schon durch die solistische Behandlung der Instrumente, zuweilen mit verfremdenden Spieltechniken, dann kurzen Melismen bei den Holzbläsern oder einer aufsteigenden Cello-Kantilene. Immer begleitet von einer schöpferischen rhythmischen Unruhe.
Im Gedächtnis bleibt wohl auch der Schluss des Werkes, wenn sich gleichsam mit tropfenden Einzelklängen Schritte leise zu entfernen scheinen. Innere Anteilnahme war das besondere Merkmal dieses Abends.

Albrecht Luy
FZ, Mittwoch, 3. Dezember 1997

 

Erlöst von der irdischen Plage

Xaver Paul Thoma zeichnet mit seine Komposition FRANZ AN OTTLA ( Kafka--Fragment V) (1997), die hier zur Uraufführung: kam, einen gedanklichen Dialog zwischen Franz Kafka und seiner Schwester Ottla nach: offene, zerrissene Form, schwankend zwischen Tonalität und Atonalität, wortlos hochexpressiv. ensemble sur scene fand die Balance all dieser Ausdruckswerte.

 

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