Oboe d'amore und Orchester (1997)

 

Konzert für Oboe d'amore und Orchester (1997)

Musik für ein Solo – Instrument und Orchester bedeutet für einen Komponisten immer, zu allererst eine Entscheidung über die Binnenstruktur der Partitur zu treffen. Soll der Schwerpunkt der Solo – Stimme das Hauptgewicht erhalten und der Orchesterpart überwiegend durchsichtig begleitend gestaltet werden, oder wird das Soloinstrument eher in ein symphonisches Bett eingebunden?

Sehr wichtig ist zu diesem Zeitpunkt, die genaue Orchesterbesetzung festzulegen. Um dem Solo–Part der Oboe d’amore klangliche Trennschärfe zu erleichtern, sind im Holzbläsersatz des Orchesters keine Oboen besetzt, und der Schwerpunkt ist deutlich auf die dunkler gefärbten Holzbläser ausgerichtet, z.B. Altflöte, Bassetthorn, Bass-Klarinette, Kontrafagott.

Das Konzert ist in der formalen Anlage einsätzig gehalten, deutlich unterteilt durch zwei Kadenzen des Solo-Instrumentes. Der elegische Beginn des Werkes erfährt nach etwa 15 – 20 Takten eine erste punktuelle Aufrauhung in der Instrumentierung, wobei bis Takt 87 ein ruhiges Zeitmaß vorherrschend ist. Im weiteren Verlauf öffnet ein schnellerer Puls den Weg zu scherzoartigen Staccatofiguren in der Solo-Oboe, sehr oft in tiefer Lage, für die ich eine Vorliebe habe. Der Solist wird dadurch besonders gefordert; die abverlangte Virtuosität teilt sich dem Zuhörer nicht in offener, blendender Brillanz der höheren Lage mit. Nach einem Orchestertutti bildet die CADENZA I den Abschluss dieses ersten Teiles.

Attacca folgt der „SEHR LANGSAM“ überschriebene Mittelteil, in dem zunächst das Orchester die Führung übernimmt. Ein kleines Violinsolo, fortgesetzt von der Posaune, leitet in eine gläserne Klangwelt über, ein Ergebnis der Flageolett–Töne des vielfach geteilten Streichorchesters und der Flöten. In dieses statische Gebilde drängt sich die Oboe immer weniger schüchtern hinein, bis Harfe und Bongos die Oboe d’amore unruhig über das tiefe Register wie ein Schrei in die höchsten Lagen treiben.

Drei fragende Fermaten - Takte des tiefen Orchesters bilden die Brücke zur weiteren Fortsetzung des Mittelteils „SEHR LANGSAM“, aber jetzt übernimmt die Oboe d’amore sofort die Führung.

Im weiteren Verlauf gewinnt der symphonische Part wieder an Gewicht, keine Begleitung, sondern gleichberechtigter Partner. Im Takt 266 bildet sich in den Streichern eine Art Bogen heraus, bildlich gesehen ein Halbkreis, beginnend in den tiefen Streichern bis in die hohen Violinen und wieder zurück in die Tiefe, ein Tor zur Coda dieses Mittelteils – bewegte Triolenfiguren, sehr oft steht die Oboe d’amore im Dialog mit den Pauken – quasi ein zweiter Scherzoeinschub.

Der dritte Teil ist mit „senza Misura“ überschrieben. Es gilt nur ein Grundpuls, Taktschwerpunkte sind aufgehoben, beziehungsweise ändern sich in jeder Aufführung etwas, da es im Ermessen des Dirigenten liegt, den Einsatz für die einzelnen Gruppen des Orchesters zu geben. Dieser aleatorische Aufbau bleibt zunächst im piano, bis sich nach Einsatz der letzten Gruppe ein riesiges Crescendo entwickelt – in dynamischer Hinsicht der Höhepunkt in der Partitur, der allerdings jäh durchschnitten wird: Die Oboe d’amore erhält Raum für eine zweite Kadenz, in der Partitur mit CADENZA II betitelt.

Danach setzt das Orchester genau dort wieder ein, wo es durch das Solo– Instrument unterbrochen wurde. Drei Tuttiblöcke bilden sich dynamisch zum Pianissimo zurück, dazwischen geschoben in zwei Anläufen jeweils die unbegleitete Oboe d’amore. In diesem dritten Teil gibt es also kein Miteinander von Solo–Oboe und Orchester, sondern nur ein Nacheinander - mit einer Ausnahme:

Der Abgesang der Oboe d’amore wird in den letzten Takten vom Orchester umhüllt – das Verklingen im Miteinander.

Die Partitur entstand im Sommer und Herbst 1997 in Bad Mergentheim und wurde am 30. November abgeschlossen.

Komponiert im Auftrag des Philharmonischen Orchesters Augsburg, ist das Werk dem Oboisten Gerhard Veith gewidmet, mit dem mich eine langjährige Freundschaft verbindet.

Xaver Paul Thoma, Bad Mergentheim, 6.1.1998 (Beitrag für das Programmheft)

 

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